Wir empfangen Anne Weber vor dem Haupteingang der Viko, es ist der bislang heißeste Tag in diesem Sommer, ein wenig später wird für die Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I „Hitzefrei“ verkündet werden. In den vergangenen zwei Wochen haben sich die Schülerinnen und Schüler des Tutoriums vorbereitend mit den Büchern „Annette, ein Heldinnenepos“ und dem Zeitreisetagebuch „Ahnen“ beschäftigt und so ist alles bereit für die folgenden zwei Zeitstunden des Austausches, die Gruppe freut sich auf die Begegnung mit der Autorin.
Für einen allerersten Kontakt sitzen wir im Stuhlkreis (der in der breiten Stufung des Raumes eher einem „Stuhloval“ gleicht, wie Anne Weber feststellt), alle führen den Satzanfang „Ich lese …“ fort. Was lesen Jugendliche in ihrer Freizeit? Anne Weber staunt, „Gar keine klassische Literatur?“, wird sie mich später fragen. Nun, ein Blick in die Auslage der Buchhandlungen bildet den Markt für junge Leser ab: „Fantasy“, „Adult Thriller“, „Murder Mystery“, Dystopien/ Climate Fiction“, „Coming of Age“ und „Contamporary“ sind die Genres, die gefragt sind und in rauen Mengen auf den Markt geworfen werden. „Und nun ‚Ahnen?“ Anne Weber schaut überrascht in die Runde, die Diskrepanz scheint und ist riesig.
Zum Buch „Ahnen, ein Zeitreisetagebuch“: In dem 2015 erschienenen Buch begibt sich Anne Weber auf eine Reise, in der sie über Nachforschungen zu ihrem Urgroßvater Florens Christian Rang tief in die Familiengeschichte eintaucht. Der Urgroßvater, den sie im Buch „Sanderling“ nennt, war unter anderem im heutigen Posen als Gemeindepfarrer tätig, dies in einer Zeit, in der staatlich verordnete Germanisierungsmaßnahmen aggressiv durchgesetzt wurden. Auch Sanderling vertritt zunächst die Ideen der Nationalisierung und teilt die allgemeine Kriegsbegeisterung. Nach Kriegsende und dem Verlust eines Sohnes vollzieht er jedoch einen radikalen Wandel und sucht im Austausch mit Intellektuellen (so Walter Benjamin, Martin Buber) nach Wegen, wie das Land einen Neufanfang gestalten könnte. Während seine Schriften, die dazu weitreichende Überlegungen und Forderungen beinhalten, bald aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden werden, erreichet Hitlers „Mein Kampf“ ein Millionenpublikum. Hans Christian Rang verstirbt 1924, also noch vor Gründung der NSDP. Verläuft dennoch ein direkter Weg von der Generation des Urgroßvaters zur nächsten Generation, die im Dritten Reich zu Tätern und Mitläufern wurden? Prägte sein Deutschtum das der eigenen Söhne? In der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gerät hier auch der Großvater von Anne Weber in den Blick, der die NS-Ideologie unterstützt, und von ihm wiederum auf den eigenen Vater, der als 17-Jähriger als Flakhelfer eingesetzt wird und nach Kriegsende aus Scham über die Schuld der Deutschen nie über diese Zeit spricht.
Für das Buch hat Anne Weber den Begriff des „Zeitreisetagebuchs“ geschaffen: Sie schildert ihren Weg der Annäherung an die Vergangenheit, der sie in an etliche Orte führt und damit zur Grundlage für Begegnungen wird, die jeweils eine Facette zur gedanklichen Aufarbeitung beitragen. Zwischen Anne Webers Blick auf die Vergangenheit und ihrer Erzählgegenwart liegt nämlich ein „unüberwindbar scheinendes Gebirge“, ein „gewaltiges Massiv, ein Riesengebirge, angehäuft aus Toten“ (S. 37f.) und damit „[ist] die Bürde da, ob man will oder nicht“ (S. 39). Und so kann sie nicht anders, als Überlegungen, Entscheidungen und verschriftlichte Zeugnisse des Urgroßvaters mit dem Wissen um das folgende Geschehen im Dritten Reich zu sehen und zu beurteilen. Wie kann es gelingen, dem Denker und Philosophen seiner Zeit vor diesem Hintergrund gerecht zu werden? Diese Frage und viele weitere begleiten Anne Weber und so erleben wir lesend die Nachdenklichkeit der Autorin zu Themen, die sich ihr während der Recherche- und Schreibarbeit aufdrängen: Kann ein objektiver Blick auf Vergangenheit gelingen? „Erben“ wir Deutsche moralische Schuld? Wie kann man mit Schweigen und Sprachlosigkeit umgehen? Verändert der Blick aus dem Ausland auf uns das eigene Deutschsein? Ist in der Gegenwart Zukünftiges bereits angelegt?
Nun also „Ahnen“ im Deutschunterricht.
Die Schülerinnen und Schüler des Kurses sind interessiert an der Thematik des Buches (sie haben es zur Lektüre und Behandlung im Deutschunterricht ausgewählt) und so entsteht ein Raum für den Austausch, der in Schule auf dieser mitunter auch persönlichen Ebene eher selten ist: Wie erleben die Jugendlichen das Deutschsein? Was wissen sie über die eigene Familiengeschichte? Empfindet diese Generation die Bürde des Deutschseins, von der die Schriftstellerin spricht?
Die Jugendlichen haben Sätze aus „Ahnen“ ausgesucht, die besonders „nachhallen“: „Ich verkehre nur mit Menschen, nicht mit Generationen“ (S.72); „Ob es so einfach gehen konnte? Ob man ganz merklich in etwas hineingeraten konnte, was man verabscheute?“ (S.125); „Nichts ist gefährlicher als das sichere Gefühl, etwas verstanden zu haben“ (S.115)). Sätze wie diese initiieren das Gespräch, in dem jeder Schüler zunächst einmal seine Wahl begründet und Anne Weber, diesen Faden aufgreifend, reagiert: Wie liest sie diesen Satz? Wir erleben Perspektivwechsel, hören ungekannte Zusammenhänge, erfahren den eigenen Blick Erweiterndes. Anne Weber ist interessiert an dem Diskurs mit der Jugend und schnell wird deutlich: Das Erbe des Zweiten Weltkrieges ist da, auch in dieser Generation. Jede Familie hat ihre Verstrickung in die Zeit des Dritten Reiches, die Geschichte ist ein durchaus präsenter Teil aller. Geschichten von Flucht, von Nazi-Vergangenheit, von versteckter Identität zum Selbstschutz, von der Schweigelast der Großelterngeneration wissen auch die Schülerinnen und Schüler zu erzählen. Anne Weber hört zu. Wie steht die Jugend zum Deutschsein? Eine Schülerin berichtet von ihren Erfahrungen während eines Aufenthaltes in Neuseeland, während dessen sie am Geschichtsunterricht teilnahm. Gegenstand des Unterrichts war die NS-Zeit. Und während sie die ihr vertraute Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema und einen Respekt vor der Geschichte unter den Gleichaltrigen teilweise vermisste, spürte sie zugleich die Augen aller auf sich selbst, die Deutsche, gerichtet. Wird diese moralische Schuld immerzu auf uns lasten? Die Jugendlichen thematisieren, was es ihrer Meinung nach braucht: die Bereitschaft, die Verantwortung anzunehmen, die das Deutschsein mit sich bringt, indem man sich erinnernd mit dem Geschehenen auseinandersetzt, sich wach und verantwortungsvoll einzubringen in die aktuelle Debatte, Position zu beziehen und nach außen sicher zu vertreten, dies in Zeiten, in denen die Demokratie erneut verletzlich erscheint und sich die Offenheit einer Gesellschaft augenscheinlich im Wandel befindet.
Zum Genre des „Zeitreisetagebuches“ erfahren wir, dass die Kategorien Fiktion und Nicht-Fiktion für Anne Weber keine Rolle spielen, sie nähert sich als Schriftstellerin Figuren an und bemüht dazu auch ihre Fantasie und daraus entsteht dann die Geschichte, die sie erzählt. Die Geschichte von „Ahnen“ ist der Versuch, den bedeutenden Urgroßvater der Familie Rang, dem der Respekt und die Ehrfurcht der Urenkelin stets gegolten hatte, in seiner Zeit abzubilden. Anne Weber führt aus: Biographien versuchen, ein objektives Bild zu vermitteln, aber können sie das leisten? Auch sie entwerfen das Bild eines Menschen im Rückblick, bemühen dazu Archive und schriftliche Zeugnisse, aber letztlich bildet auch eine Biographie immer nur das Bild ab, das sich der Autor von dem Menschen gemacht hat. Hätte sich der Dargestellte in der Biographie selbst wiedererkannt? Anne Weber erzählt, dass Anne Baumanoir, deren Lebensgeschichte das „Heldinnenepos“ erzählt, das Manuskript zum Buch großartig fand. „Formidable“, ließ sie Anne Weber wissen, „aber das bin nicht ich!“ Hätte sie die Geschichte Anne Baumanoirs nicht auch als Roman erzählen können? Nein, wozu angesichts dieses aufregenden Lebens noch Fiktives bemühen, so die Antwort der Schriftstellerin. Weshalb lesen wir in beiden Büchern keine ausformulierten Dialoge? Anne Weber greift den Gedanken auf: Wie könnte sie Anne oder ihrem Urgroßvater Worte in den Mund legen, die sie so nie gesprochen haben? Anne Weber versucht sich dem Menschen anzunähern und von diesem Weg der Annäherung erzählt sie in „Ahnen“, das dabei entstehende Bild des Urgroßvaters zeigt ihren persönlichen Blick auf den Menschen. Ein jedes Erleben vergeht in dem Moment der Gegenwart und kann von hier aus nur noch rekonstruiert werden, teilt Anne Weber mit, das Buch „Ahnen“ ist ihre Rekonstruktion des Vergangenen. Können für das Buch denn Erzählerin und Autorin gleichgesetzt werden oder bleiben das unterschiedliche Instanzen? Auch diese Begriffe spielen für Anne Webers Schreiben keine Rolle, erfahren wir, denn es ist immer sie, die das Buch erzählt. Mal gestaltet sie dazu die Geschichte auch mit Fantasie aus, in „Ahnen“ dagegen nicht. Anne Weber hat den Stoff „rhythmisiert“, so nennt sie das, aber jede Figur, jede Episode, jede Station der Reise ist real. Und trotzdem braucht es auch ein Einfühlen und Fantasie, um aus dem Erlebten und Recherchierten ein Buch werden zu lassen, das sich vom Sachbuch unterscheidet.
Anne Weber ist im Begriff, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen, erfahren wir. Nicolas Sarcozy, ehemaliger französischer Präsident, hat im Kontext von Integration einmal das Folgende gesagt: „Dès que vous devenez Français, vos ancêtres sont Gaulois “ (auf deutsch: „Sobald jemand Franzose wird, sind die Gallier seine Vorfahren“)[1]. Diese Worte, mit denen Sarkozy einst die sofortige und bedingungslose Integration von Migranten in die Gemeinschaft forderte, werden heute als ein Tiefpunkt des Diskurses um Integration beschrieben (siehe Angabe unten). Anne Weber, die seit jungen Jahren in Paris lebt, ist sich sicher, dass Einbürgerung so nicht funktioniert, demnächst also kein „gallisches Blut durch ihre Adern fließen“ wird: Sie nehme ihr Leben und ihre Vergangenheit mit, beides lege man mit Erwerb des französischen Passes doch nicht einfach ab, das Deutschsein bleibt Teil ihrer Identität.
Wir werden Anne Weber für uns weiterhin im Blick behalten, auch auf die angekündigte Neuerscheinung sind wir gespannt.
Wir danken Anne Weber dafür, dass sie den Weg von der Normandie zu uns an die Viktoriaschule gefunden und sich interessiert, offen und aktiv mitwirkend auf den Austausch eingelassen hat. Unser Dank gilt weiterhin der Akademie für Deutsche Sprache und Dichtung dafür, dass uns diese eindrückliche Begegnung ermöglicht wurde, sowie dem Förderverein der Viktoriaschule für die Finanzierung des Buches „Ahnen“, das wir nun allesamt signiert in unseren Händen halten.
Text und Bild: Anke Hein (Tutorin und Deutschlehrerin im Leistungskurs der diesjährigen Q3)
[1] Nicolas Sarkozy, in einer Ansprache im September 2016 für Kontroversen, Quelle: https://www.kas.de/de/web/die-politische-meinung/artikel/detail/-/content/unsere-vorfahren-die-gallier, aufgerufen am 30.06.2026

