Am kommenden Samstag wird im Rahmen des Ehemaligentreffens eine Gedenktafel für die ehemalige Leiterin der Viktoriaschule feierlich eingeweiht! Als Friedegard Vilmar wurde sie am 21. Oktober 1912 in Frankfurt am Main geboren. Ihre Eltern waren der konservative Reformpädagoge Dr. phil. Wilhelm Vilmar und seine Frau Elisabeth geb. Riese. Wilhelm Vilmar leitete in den 1920er Jahren das Berliner Grunewald-Gymnasium (heute: Walther-Rathenau-Gymnasium) und öffnete die reine Jungenschule für Mädchen. Auch die junge Friedegard legte dort das Abitur ab und gestand später in einem Beitrag für die Berliner Geschichtswerkstatt, dass sie ungeheuer stolz war, eine Jungenschule zu besuchen, die mehr bot als die Mädchenschulen. Aber sie habe auch viel Arbeit und Mühe investieren müssen, um den Anforderungen standzuhalten. Es war gewiss kein Zufall, dass in ihrer Ägide auch die Viktoriaschule den Wandel von einer reinen Mädchenschule zu einem koedukativen Gymnasium vollzog.
1938 heiratete Friedegard Vilmar den Pastor Winfrid Krause. Der hatte sich der Bekennenden Kirche angeschlossen und Teile seiner Ausbildung an deren Predigerseminar Finkenwalde absolviert, das von dem 1945 hingerichteten Widerstandkämpfers Dietrich Bonhoeffer geleitet wurde. Äußerst lesenswerte zeitgeschichtliche Dokumente sind die Briefe, die Winfrid Krause seiner Verlobten Friedegard Vilmar während dieser Seminarzeit schrieb. Ihr Sohn, der Erziehungswissenschaftler Prof. i.R. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar, hat sie 2025 bei Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlicht*. Auch Bonhoeffer hatte übrigens das Abitur am Berliner Grunewald-Gymnasium abgelegt.
Das junge Paar bekam drei Kinder, doch 1943 starb der im Krieg verwundete Winfrid Krause nach schwerer Krankheit in einem Marburger Lazarett. Als alleinerziehende Mutter schloss Friedegard Krause 1944 ihre Ausbildung für das höhere Lehramt (Ev. Religion, Latein, Sport) ab und unterrichtete sodann an der Elisabethschule in Marburg, einem Gymnasium für Mädchen. Sie wurde Fachleiterin für Religion am Marburger Studienseminar. 1961 übernahm sie bis zu ihrem Ruhestand 1978 die Leitung der Viktoriaschule Darmstadt.
Das war eine unruhige Zeit, die 1960er und 1970er Jahre. Studentenbewegung und Schülerproteste machten auch vor dem so ruhigen, oft als verschlafene Beamtenstadt abgetanen Darmstadt nicht halt. An der Georg-Büchner-Schule wurde 1969 der als (zu)progressiv empfundene Lehrer Heinz Lüdde entlassen, der mit neuen Methoden (Gruppenarbeit statt Frontalunterricht) für Aufsehen sorgte und die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit forcierte. Die anschließenden Schülerstreiks ließen auch die Viktoriaschule nicht unberührt, blieben dort aber folgenlos.
Friedegard Krause genoss als Leiterin der Viktoriaschule den über Darmstadt hinausreichenden Ruf, auch solchen Schülerinnen und Schülern noch eine Chance zu geben, die anderswo durch alle Raster gefallen waren. Ob es nun häusliche Probleme waren, eine ungewollte Schwangerschaft , eine disziplinarische Strafe oder Drogensucht, die die Schulzeit eines jungen Menschen vorerst beendet hatten – „Mutter Krause“ nahm die Gescheiterten auf, wenn sie den Eindruck hatte, dass ihre Mühe nicht vergebens wäre. Meist lag sie richtig. Sie scheute sich auch nicht, bei innerschulischen Reibereien die Position ihrer Schülerinnen und Schüler auch gegen den in Teilen sehr konservativen Lehrkörper zu unterstützen.
Im Ruhestand blieb sie nicht untätig. Sehr zur Freude der Wiesbadener Kultusbürokratie kommentierte Friedegard Krause in Beiträgen für das Darmstädter Echo die hessische Schulpolitik. In einem Offen Brief an die damalige Kultusministerin Karin Wolff (CDU) empörte sie sich 2003 und legte ihr den Rücktritt nahe: „Können Sie überhaupt noch schlafen, Frau Ministerin? Sie, die Sie durch Ihre Gesetze die hessische Schule zugrunde richten und eine ganze Schülergeneration ins vorvorige Jahrhundert versetzen?“ Ihr täten „die Kinder und Lehrer leid, die sich in überfüllten Klassen … durch den Vormittag quälen müssen“.
Friedegard Krause starb am 24. Februar 2008 in Darmstadt. Eine ihrer Nachfolgerinnen, Gertrud Meyer-Sauerwein, schrieb in ihrem Nachruf in der Schulzeitschrift Viko aktuell: „Sie vermittelte durch ihr eigenes Verhalten Werte wie Zivilcourage und demokratisches Verhalten“ und habe die Schule bis in die heutige Zeit geprägt. Das gilt wohl noch immer.
* Dietfrid Krause-Vilmar (Hg.): Radikale Nachfolge. Briefe des Vikars Winfrid Krause an seine Verlobte Friedegard Vilmar aus dem Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde 1937. Göttingen 2025. Vandenhoeck & Ruprecht, 191 S., 30 Euro. ISBN 978-3-525-56875-0

